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Unser Selbstverständnis

It's no charity – it's a human right

 

 

Das Recht auf Freizeit, Spiel und Erholung

 

 

Freizeit gewinnt in unserer Wohlstandsgesellschaft immer mehr Bedeutung. Viele verbringen diese in Sportvereinen, Musikschulen oder in ungebundenen Neigungsgruppen. Für Kinder und Jugendliche, die ein für ihre Entwicklung und Reife angemessenes begleitendes Angebot benötigen, gibt es in Berlin viele Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen. Diese bieten neben den Standards wie Internetbenutzung und "Mensch ärgere Dich nicht" oft auch Theatergruppen, Bastel- und Werkmöglichkeiten oder Hausaufgabenbetreuung an.

 

 

Die gemeinsame Gestaltung der Freizeit dient als soziales Trainingsfeld und der Unterstützung in den unterschiedlichsten Lebensbereichen der Kinder und Jugendlichen. In Groß- und Kleingruppen stehen die Förderung und Unterstützung der Konfliktfähigkeit, der Selbständigkeit und Unabhängigkeit in Handeln und Denken ebenso im Mittelpunkt wie der Spaß und das Interesse sich gemeinsam mit neuen Dingen auseinander zu setzen. Das Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein der Kinder und Jugendlichen sollen dabei ebenso garantiert werden.

 

Jedes Kind und jeder Jugendliche sollte seinen individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen entsprechend lernen können. Und Lernen, das wissen wir, beginnt nicht erst in der Schule. Handwerkliches Geschick, gestalterische Talente, schauspielerische Leistungen oder Kochkünste werden entdeckt, angeregt und aufgegriffen.

 

Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen bieten dafür Raum, Material, Anleitung und Betreuung an.

 

 

Zusätzlich wirkt sich eine erfüllende Freizeit ausgleichend auf den Lebensalltag von Kindern- und Jugendlichen aus. Eine School-Life-Balance, also ein Ausgleich zur Schule und dem Leben außerhalb der Schule, gilt es zu erreichen um mit Spiel und Neugierde Stress und Überlastung zu vermeiden.

 

 

Doch wie sieht es bei der Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung aus?

 

 

Grundsätzlich stehen alle öffentlich geförderten Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen in Berlin auch jungen Menschen mit Behinderung offen. Doch leider beschäftigen sich trotz hohen Bedarfs nur wenige Einrichtungen in Berlin mit der integrativen Förderung von Kindern und Jugendlichen im Freizeitbereich. Das kann zum einen an der Unkenntnis über die Bereichung eines integrativen Angebots liegen und dem Gedanken, dass es nur zusätzliche Arbeit mache und zum anderen an den Kosten. Denn zusätzliches Personal, das integrationspädagogisch geschult ist und Kenntnisse über spezielle Bedürfnisse von jungen Menschen mit Behinderung besitzt, kann von den meisten Einrichtungen noch nicht finanziert werden.

 

 

Doch auch hier muss man differenzieren. Nicht alle Kinder- und Jugendliche, die eine Behinderung "bescheinigt" bekommen haben, brauchen außerordentliche Unterstützung und Assistenz. Im Gegenteil: sie sind selbständig, hilfsbereit und unterstützen andere Kinder in der Freizeitgruppe. Wobei manche Kinder- und Jugendliche ohne einen so genannten Behindertenstatus auf intensive Betreuung und Unterstützung angewiesen sind. Man merkt also, das Denken in zwei Teilgruppen, in Behinderte und Nichtbehinderte, und an diesen dann den Hilfebedarf festzumachen, ergibt oft gar keinen Sinn. Wir alle sind unterschiedlich und haben verschiedene Möglichkeiten und Fähigkeiten.

 

 

Was verstehen wir unter Behinderung?

 

Wir begreifen Behinderung nur zu einem Teil als individuelle Schädigung. Vielmehr ist sie dauernd in Bewegung. Sie ist kein statischer Zustand. Zum großen Teil entsteht Behinderung durch Barrieren in der Umwelt. Das können Treppen, komplizierte Sprache und fehlende Orientierungsmöglichkeiten sein, aber vor allem Vorurteile, Unwissenheit und soziale Ignoranz führen zu Barrieren. Jeder kann von diesen Barrieren betroffen sein und vor allem durch Barrieren in den Köpfen be-hindert werden. Mal sind es viele Barrieren, die uns behindern können, mal nur einige wenige und mal gar keine (Barrierefreiheit).

 

 

Für uns sind Menschen mit Behinderung eine Bereicherung, die zur gesellschaftlichen Vielfalt beitragen. In dieser Vielfalt liegen Chancen und Potentiale, die wir nutzen wollen. Denn eine heterogene Gruppe bestehend aus vielen Minderheiten und Mehrheiten gibt uns die Chance Unterschiede und Differenzen von Menschen zu sehen, zu akzeptieren und stehen zu lassen. Niemand muss und kann alle Eigenschaften und Ansprüchen der scheinbaren Mehrheit genügen.

 

 

Wir betrachten Heterogenität als Normalität und setzen uns für die Eingliederung oder für die Nichtaussonderung von Menschen mit Beeinträchtigungen, Behinderungen oder Benachteiligungen in der Gesellschaft ein. So gestalten wir Aktivitäten und Freizeitangebote, die nicht nivellieren sondern Raum bieten für persönliches soziales Wachstum und gemeinsames Handeln.

 

 

Die Bedeutung von gemeinsamen integrativen Alltagserlebnissen und Erfahrungen im Kindesalter ist besonders groß, damit nicht ein pauschales Bild voneinander entsteht, das ein Aufeinanderzugehen später immer schwieriger macht. Der Integrationsprozess wird von uns als ein weiterer Schritt in Richtung demokratische Gesellschaft verstanden, einer Gesellschaft, in der gleichberechtigte Kooperation von Menschen mit Behinderungen und Menschen ohne Behinderungen "normal" ist und in der eine gleichberechtigte Teilhabe aller Minderheiten möglich wird.

 

 

Was wir wollen

 

 

Es ist uns ein Anliegen in dem Lebensbereich "Freizeitgestaltung" für behinderte Kinder/Jugendliche Normalität herzustellen, indem sie selbstverständlich mit nichtbehinderten Kindern/Jugendlichen UND behinderten Kindern/Jugendlichen an Aktivitäten teilnehmen, Ideen zur Freizeitgestaltung entwickeln und kooperierend mit anderen an einem gemeinsamen Gegenstand arbeiten. Dies alles soll in ihrem Kiez, in ihrer Nachbarschaft möglich sein (wohnortnahe Integration). Daher wäre es nicht nur wünschenswert, sondern dringend notwendig, dass sich alle Berliner Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen mit einem gemeinsamen Angebot für alle Kinder und Jugendliche beschäftigen. Das Integrationsprojekt möchte keine Insel in Berlin bleiben. Die Forderung vieler Eltern nach Freizeitangeboten, die allen Kindern und Jugendlichen offen stehen, sollte endlich ernst genommen und angegangen werden.

 

 

Allein die Tatsache, dass der Begriff "Integration" in unserem Namen noch notwendig ist, zeigt, dass es noch viel zu tun gibt.

 

 

Für unsere jüngeren Besucher dagegen ist dieser Name oft nicht so wichtig. Das merkt man alleine schon daran, dass die Besucher ihre Freizeiteinrichtung schlicht "Projekt" nennen und das kompliziert auszusprechende Wort "Integration" weglassen. Für sie gehört das gemeinsame Spielen, Basteln oder Kochen längst zum Alltag. Integration ist nicht irgendein Programm, sondern ein Menschenrecht.

 

 

Warum?

 

Kinder haben ein Recht auf Freizeit, Spiel und Erholung. Gemäß Artikel 31 a der UN-Kinderrechtskonvention erkennen die Vertragsstaaten, so auch Deutschland, das Recht des Kindes auf Ruhe und Freizeit an, auf Spiel und altersgemäße aktive Erholung sowie auf freie Teilnahme am kulturellen und künstlerischen Leben. Die Konvention wurde von der Bundesrepublik Deutschland unterzeichnet (Zustimmung von Bundestag und Bundesrat durch Gesetz vom 17. Februar 1992 - BGB1. II S.121).

 

Nach der Hinterlegung der Ratifikationsurkunde beim Generalsekretär der Vereinten Nationen, trat die UN-Kinderrechtskonvention am 5. April 1992 für Deutschland in Kraft.

 

Integrative Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen stellen ein besonderes Biotop dar, Kinder und Jugendliche früh mit Chancenungleichheit zu konfrontieren und das kooperierende Arbeiten an einem gemeinsamen Gegenstand zu ermöglichen.

 

 

Will man die Autonomie eines Kindes/Jugendlichen mit Behinderung in seiner Lebensführung, also auch die Wahlmöglichkeit seine Freizeit mit nichtbehinderten Peers zu verbringen, fördern, darf man Integration nicht als Gnadenakt und demütigendes Geschenk der "Nichtbehinderten" verstehen, sondern als ein Menschenrecht. Das heißt es gibt eine gesetzliche Verpflichtung Freizeitangebote für alle Kinder und Jugendlichen erlebbar zu machen und zu gestalten.

Jeder Mensch hat also einen Anspruch auf eine nicht aussondernde Freizeit. Deshalb orientiert sich unsere Pädagogik und die Didaktik der Freizeit an dem Inklusionsgedanken.

 

 

Was bedeutet Inklusion?

 

 

Inklusion wird von uns als optimierte Integration verstanden. Sie stellt eine Stufe dar, die zu einer allgemeinen, inklusiven Pädagogik für alle führt (vgl. Alfred Sander). Während Integration "Eingliederung und Einbeziehung" bedeutet, meint Inklusion "Einschließung, Einschluss und Enthaltensein". In einer inklusiven Gesellschaft mit inklusiven Elementen in allen Bereichen geht es nicht mehr um das Dazuholen, um das Einbeziehen, also um Integration, sondern um das dabei sein von Anfang an. Alle Menschen, egal welcher Religion, Weltanschauung, sexueller Orientierung, Nationalität, ethnischer und kultureller Hintergründe, sozialer Herkunft, Fähigkeiten, körperlichen Gegebenheiten und vieles mehr, alle gehören ohne Einschränkungen zu der heterogenen, pluralistischen Gesellschaft dazu. Keiner muss mehr integriert werden. Oder wie Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker schon sagte: "Was im vorhinein nicht ausgegrenzt wird, muss hinterher nicht wieder eingegliedert werden."

 

 

Der Inklusionsgedanke geht davon aus, dass jeder Mensch in seiner Unterschiedlichkeit, Einzigartigkeit und in seiner Vielfalt als ein vollwertiges, ganzheitliches Individuum von seinen Mitmenschen akzeptiert wird, unerheblich ob der jeweilige Mensch eine Einschränkung hat. Im Sinne des Inklusionsgedankens hat jeder Mensch ein Recht darauf, gleichberechtigt behandelt und nicht diskriminiert oder ausgesondert zu werden.

 

 

Der Begriff der Inklusion umfasst, dass jeder Mensch ein Recht auf Partizipation in der Gesellschaft hat, indem er in Zusammenarbeit und Dialog mit seinen Mitmenschen tritt. Jeder Mensch hat im Sinne der Inklusion ein Recht darauf, selbstständig, selbstbestimmt und in Freiheit zu leben.

 

 

Dies bezieht sich selbstverständlich auch auf die Inklusion im Freizeitbereich, in dem die Heterogenität im Vordergrund steht. In einer heterogenen Freizeitgruppe mit Kindern und Jugendlichen befinden sich von Anfang an Teilnehmer mit unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Stärken und Schwächen, Kompetenzen und Einschränkungen usw. Alle Kinder und Jugendlichen haben von Beginn an dieselben Chancen in ihrem individuellen Spiel- und Handlungstempo, ihrem eigenen Entwicklungs- und Leistungsstand entsprechend gemeinsam ihre Freizeit zu gestalten.

 

 

In der Praxis haben die Gruppenleiter die Aufgabe diesen Gleichheitsgedanken umzusetzen und mit den Chancen, Potentialen und Konflikten umzugehen.

 

 

Jedes Kind und jeder Jugendliche hat also, genauso wie am gesellschaftlichen Leben, die Möglichkeit am Freizeitgeschehen (z.B. basteln, Theater, Gruppenspiele usw.) teilzuhaben. Hier liegt eine Überlappung mit dem Integrationsbegriff vor, der die gleichen Intentionen hat.

 

Andreas Hinz (Universität Halle-Wittenberg) hat folgende Ansicht zur Inklusion und zur Praxis der Integration:

 

"Ob das konsequente Denken in Heterogenität und ihrem (nicht immer konfliktfreiem) Potential tatsächlich etwas Neues und anderes ist als Integration, hängt von dessen jeweiligem Verständnis ab, und das kann sehr unterschiedlich sein. [...] Zunächst ist es für die Theorie der Integrationspraxis nichts Neues. Jedoch kann die integrative Praxis für ihre kritische Selbstreflexion einige Anregungen erhalten" (Hinz 2005, S.4).

 

 

In fast allen Bereichen findet die Idee, die Deklarierung von "behinderten" und "nichtbehinderten" Menschen aufzulösen, eine Schule, ein Freizeitheim für alle zu gestalten, noch keine Anwendung.

 

 

In integrativen Schulklassen, im integrativen Freizeit- und Arbeitsbereich gibt es weiterhin die Menschen mit Behinderung ("Integrationskinder", Teilnehmer mit behinderungsbedingten Mehrkosten, Mitarbeiter in Integrationsfirmen oder Integrationsabteilungen) und Menschen ohne. Das zeigt allein der Begriff Integration, der noch notwendig ist. Und dieser Begriff ist im Gegensatz zur Inklusion mit einer bestimmten von der Gesellschaft meist als defizitär betrachteten Gruppe verknüpft.

 

 

Für unsere Praxis spielen diese Zuschreibungen allerdings keine Rolle. Es geht nicht um die "Behinderten" und die "Nichtbehinderten". Solch ein distanzierendes Wir-Sie-Denken, einem Denken in zwei Teilgruppen, führt zu unreflektierten Zuschreibungen, einer defizitären und defektologisch orientierten Didaktik und letztendlich zu einer Trennung einer heterogenen Gruppe, die keinen Sinn macht.

 

 

Auf unseren Reisen, in unseren Gruppenangeboten und in unserer Freizeiteinrichtung geht es darum wer Assistenzbedarf hat. Und dieser kann sehr unterschiedliche aussehen. Jeder ist in irgendwas richtig gut und jeder kann irgendwas zu wenig. Das möchten wir in unserer integrativen/inklusiven Freizeitarbeit vermitteln. Dabei stehen die Stärken im Vordergrund. In einer bunten Kindergruppe mit Kindern unterschiedlicher nationaler und sozialer Herkunft und mit unterschiedlichen Begabungen lernen die Kinder, dass es normal ist, unterschiedlich zu sein.

 

Auf unseren erlebnispädagogischen Reisen helfen wir uns gegenseitig, wenn es nötig ist: dem Einen beim Heimweh-Bekämpfen, dem Anderen beim Essen oder Ankleiden. So erleben wir uns mehr und erkennen daraus, was wir tatsächlich brauchen.

 

 

"Egal, wie ein Kind beschaffen ist,

es hat das Recht, alles Wichtige

über die Welt zu erfahren,

weil es in dieser Welt lebt."

(Georg Feuser, Erziehungswissenschaftler)  



Autor: Adrian -- 14.7.2009 11:19:57