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Pädagogische Grundlagen
Integration behinderter Kinder: pädagogische Grundlagen
"Bisher war es wichtig, dass jeder, der anders ist, die gleichen Rechte hat. In Zukunft wird es wichtig sein, dass jeder das gleiche Recht hat, anders zu sein."
Willem De Klerk, Friedensnobelpreisträger und ehemaliger Vizepräsident von Südafrika
Grundsätzliche Orientierung für die Arbeit in integrativen Gruppen
Da die Ausgrenzung von behinderten Menschen noch immer die Norm ist, ist es unser gemeinsames Ziel eine gesellschaftliche Situation anstreben, in der es selbstverständlich und alltäglich ist, mit Menschen in all ihren Verschiedenheiten und Behinderungen zu leben und sie in ihrem "Anders sein" zu akzeptieren.
Für diesen selbstverständlichen Umgang zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen gibt es letztendlich nur eine Möglichkeit des Lernens, nämlich die alltägliche Begegnung von Kindheit an. Um dies zu ermöglichen sollen die Einrichtungen mit Gruppenangeboten, die Idee der Integration gemeinsam in die Tat umsetzen und trotz unterschiedlicher Methoden oder Vorgehensweisen das angestrebte Ziel nicht aus den Augen verlieren.
Die Arbeit mit behinderten Kindern und deren Eltern eröffnen neue und vielfältige Erfahrungsebenen, die weit über das persönliche Schicksal der zu Betreuenden hinausgehen. Die Mitarbeit in einer integrativen Einrichtung erfordert Persönlichkeiten, die bereit sind, Veränderungen ihres eigenen Selbstverständnisses aufgrund neuer Erfahrungen zu begrüßen. Neben pädagogischem Fachwissen ist vor allem menschliche Kompetenz und das Bewusstsein für eigene Stärken und Schwächen wichtig.
Sozialpolitisches Denken und Handeln über die Einrichtung hinaus ist gefragt. Denn die MitarbeiterInnen prägen die Haltung ihres gesellschaftlichen Umfeldes in besonderem Maße mit. Von KollegInnen wird würdevolle Achtung und sensibler Respekt gegenüber allen Menschen und deren Lebensgeschichte erwartet. MitarbeiterInnen in integrativen Gruppen haben die Chance, behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam zu erziehen.
Das Zusammenleben und -lernen von Kindern und Erwachsenen vollzieht sich in einem Prozess des "gemeinsamen Tuns am gemeinsamen Gegenstand" im gegenseitigen Geben und Nehmen sowie im Lernen und Erfahren. In einer Atmosphäre, in der individuelle Stärken und Schwächen akzeptiert und selbständige Lernprozesse angestoßen werden, können sich partnerschaftliche Beziehungen, Kreativität und Lernfreude entwickeln. Diese grundlegenden Qualifikationen benötigen alle Kinder für die Bewältigung von Alltag und Zukunft. Die Entwicklung und Förderung dieser Prozesse gehören zu den spannenden Aufgaben integrativer Arbeit.
Pädagogische Grundhaltung
Unter Integration in Kinder- und Jugendgruppen wird grundsätzlich das Zusammenleben unterschiedlichster Kinder verstanden, d.h. ohne Ansehen von Geschlecht und Nationalität und ohne Ansehen irgendwelcher stigmatisierender Leistungsprinzipien oder anderer aus den Normen fallender Schwierigkeiten und Fähigkeiten. Dadurch werden die Kinder in ihrer Persönlichkeit akzeptiert und gefördert. Sie können in einer Atmosphäre der Offenheit und im gemeinsam gestalteten Alltag individuelle Erfahrungen sammeln, sich entwickeln und aneinander wachsen.
Daher begrüßen wir die für Deutschland verbindlich 2009 in Kraft getretene UN-Menschenrechtskonvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen.
Gemäß Artikel 7 der UN-Menschenrechtskonvention sollen die Vertragsstaaten, zu denen auch Deutschland gehört, alle notwendigen Maßnahmen treffen, um sicherzustellen, dass behinderte Kinder gleichberechtigt mit anderen Kindern alle Menschenrechte und Grundfreiheiten genießen können. Außerdem (Artikel 7, Absatz 3) sollen die Vertragsstaaten sicher stellen, dass behinderte Kinder das Recht haben, ihre Meinung in allen sie berührenden Angelegenheiten gleichberechtigt mit anderen Kindern frei zu äußern, wobei ihre Meinung angemessen und entsprechend ihrem Alter und ihrer Reife zu berücksichtigen ist und sie sollen behinderungsgerechte sowie altersgemäße Hilfe erhalten, damit sie dieses Recht verwirklichen können.
Diese Rechte sind die Grundlagen unserer integrationspädagogischen Arbeit.
Die Förderung von Selbstbestimmung, Autonomie, Emanzipation, Antidiskriminierung, Gleichstellung, Normalisierung, Demokratisierung, Humanisierung und eine umfassende Integration (Inklusion) tragen dazu bei, die gesellschaftliche Teilhabe (Partizipation) von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Beeinträchtigung zu gewährleisten. Diese pädagogische Grundhaltung leben wir glaubhaft und überprüfen deren Umsetzung regelmäßig.
Zielsetzung
Jeder Mensch hat das Recht, innerhalb seiner Gemeinschaft alle seine Fähigkeiten so entwickeln zu können, dass es ihm auch später möglich ist, sozial integriert und gleichberechtigt und nicht am Rande dieser Gesellschaft in Sondereinrichtungen und sozial isoliert zu leben. Ziel der Integrationsarbeit ist es, dass alle Kinder gemeinsam aufwachsen können, unabhängig von ihren individuellen Begabungen und Fähigkeiten. Sie sollen z.B. nicht wegen einer Behinderung gezwungen sein, ihren alltäglichen Lebensraum zu verlassen um in besondere, künstlich geschaffene Sonderinstitutionen selektiert zu werden. Normalität bedeutet dann, dass behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam spielen, lernen, leben und lachen. In der Integration darf kein Kind, kein Jugendlicher verloren gehen. Nach dem Motto "mit dem 'Schwierigsten' fangen wir an, schaffen wir Bedingungen für Kinder und Jugendlichen mit schweren oder schwersten Behinderungen. "Je schwerer die Behinderung ist, umso notwendiger braucht ein Kind die vielfältigen Anregungen der nichtbehinderten Kinder: deren Bewegungen es mit den Augen verfolgen kann, deren Geräusche es mit den Ohren wahrnimmt, deren Gerüche es mit der Nase unterscheiden lernt, deren Hände es am eigenen Körper spürt." (Jutta Schöler in: Hinz 1988,87 f)
Die dabei gemachten Erfahrungen können eine Veränderung der Einschätzung von Behinderung und daraus resultierend des eigenen Selbstverständnisses und der eigenen Stärken und Schwächen von Kindern und Erwachsenen mit sich bringen. Oder aber Integration wird von klein auf als Normalität erlebt und eine "Faszination am Behindertsein", so wie viele Erwachsene sie oft kennen, entsteht überhaupt erst gar nicht. Das Spielen in einer heterogenen Gruppe, in der jeder mit seiner Individualität willkommen ist, wird als selbstverständlich erlebt.
Die Integrationsgruppe schafft den Raum, in dem das einzelne Kind Entwicklungsschritte nach seinem eigenen Rhythmus machen kann und nicht zu früh in eine bestimmte Richtung festgelegt wird, sondern viele neue Erfahrungen sammeln kann.
Durch die Arbeit in der Integrationsgruppe wird die Aufmerksamkeit füreinander geweckt, das Einfühlungsvermögen vertieft, Akzeptanz und Toleranz aufgebaut. Ein tolerantes Zusammenleben von nichtbehinderten und behinderten Menschen in einer Gesellschaft ist eine Bereicherung für alle.
Schwerpunkte integrativer Arbeit
Pädagogische Prozesse
Grundlage pädagogischen Handelns ist genaues Beobachten und Wahrnehmen des einzelnen Kindes sowie der Gruppe, um dort ansetzen zu können, wo die Fähigkeiten und Bedürfnisse liegen. Voraussetzung dafür ist ständige Reflexion des Beobachteten, des eigenen Handelns und der Reaktion der Kinder. Besondere Bedeutung kommt dem Wahrnehmen und Beachten von Beziehungen der Kinder untereinander und zwischen Kindern und Pädagogen zu.
Ein pädagogischer Ansatz, der sich an den Bedürfnissen, Fähigkeiten und Interessen aller Kinder in der Gruppe orientiert, ist der Schwerpunkt des "gemeinsamen Lernens am gemeinsamen Gegenstand". Grundvoraussetzung für das Gelingen dieser Arbeit ist gegenseitige Wertschätzung.
Die Professionalität und Qualität dieser Arbeit zeichnet sich dadurch aus, dass die Prozesse, die sich beim gemeinsamen Spielen und Lernen entwickeln, beobachtet, begleitet, analysiert und dokumentiert werden. Diese Arbeitsweisen vertiefen und intensivieren die pädagogische Wirkung.
Auch nach Außen hin gilt es die Achtung und Würde von Menschen mit Behinderungen zu fördern und die Öffentlichkeit wirksam für solch ein Bewusstsein zu sensibilisieren. So arbeitet unser Verein mit anderen Organisationen zusammen und schafft Spielräume für Austausch, Weiterentwicklung und Vernetzung.
Autor: Adrian -- 14.7.2009 11:17:09

